
Designer Tibor Kalman – Perverse Optimist
Es gibt Designer, die gestalten. Und es gibt solche, die Design als Mittel begreifen, die Welt infrage zu stellen. Tibor Kalman war letzteres – ein Unruhestifter mit Haltung.
Es ist ein wiederkehrendes Schauspiel, wenn Institutionen, Verbände oder Kommunen ihre visuelle Identität anfassen. Man blickt auf ein historisch gewachsenes Wappen, ein Logo oder ein behördliches Siegel und spürt ein tiefes, unbestimmtes Unbehagen. Die Linien wirken überfrachtet, das System ist in der digitalen Praxis kaum barrierefrei skalierbar, und der Ruf nach Modernisierung wird lauter. Also wird der Marschbefehl erteilt: „Wir müssen frischer werden. Ein modernes Logo muss her.“
Mit Ruhrmann Design an ihrer Seite sind Sie bestens gerüstet, um an allen digitalen und analogen Touchpoints zu glänzen und Ihre Ziele zu erreichen.
Das aktuelle Rebranding der französischen Fußball-Nationalteams zeigt, wie dieser Spagat auf der ganz großen, maximal emotional aufgeladenen Bühne verhandelt wird. Wenn der Hahn als nationales Symbol neu interpretiert wird, geht es nie nur um Pixel oder Vektoren. Es geht um Identität, um kollektives Erbe und um die Frage, wem eine Marke eigentlich gehört. Ich nehme mich da selbst nicht aus; auch ich habe in meiner Laufbahn Stunden mit der Reduktion eines Symbols verbracht, um es in ein sauberes, funktionales Gridsystem zu pressen, während die emotionale Bindung der Menschen daran auf der Strecke blieb. Es ist die kollektive Lebenslüge unserer Branche, dass ein radikal minimiertes, glattes Logo die komplexen, oft politischen Spannungsfelder einer Institution wie von Zauberhand auflöst.
Die gängige Lehrmeinung verspricht schnelle Linderung durch maximale Reduktion. Ein moderner Flat-Design-Ansatz, geometrische Formen, alles optimiert für das kleinste Smartphone-Display. Das Ergebnis ist oft visuell makellos, technisch barrierefrei – und emotional völlig leer. Es entsteht eine austauschbare, sterile Architektur, die zwar im Design-Lehrbuch glänzt, aber die eigentliche Seele und die historische Verankerung einer Institution exekutiert.
Gerade Kommunen und öffentliche Institutionen tappen hier in eine gefährliche Falle. Wenn eine Stadt oder ein Verband auftritt wie ein austauschbares Software-Start-up aus dem Silicon Valley, verliert sie ihre wichtigste Währung: Vertrauen, Nahbarkeit und gewachsene Identifikation. Das Design beraubt die Institution ihrer Geschichte, um einer vermeintlichen, flüchtigen Moderne zu gefallen. Die Bürger oder Mitglieder reiben sich die Augen und spüren beim Anblick des neuen Auftritts keinerlei Verbindung mehr.
Der Gegenpol ist nicht minder riskant. Aus Angst vor dieser visuellen Entfremdung klammern sich viele Behörden an den Status quo oder verfallen in einen prätentiösen, visuell überladenen Pseudo-Traditionalismus. Da wird jedes historische Detail mit Goldrand versehen und das System so mit Informationen überfrachtet, dass der moderne Nutzer – der einfach nur ein digitales Formular ausfüllen oder eine Information suchen möchte – schreiend das Weite sucht. Visueller Lärm schlägt echte Relevanz.
Wir befinden uns gestalterisch in einer Sackgasse. Um dieses Dilemma zu verstehen, hilft ein Blick über den Tellerrand der reinen Design-Richtlinien. Walter Benjamin sprach in seinem berühmten Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ von der „Aura“ – dem einmaligen, unwiederholbaren Geist eines Originals, der durch die massenhafte Vervielfältigung verloren geht.
Genau das erleben wir heute im modernen Interface-Design. Durch standardisierte Templates, den blinden Glauben an rein funktionale Trends und die Pflicht zur strikten Barrierefreiheit stirbt die Aura von historisch gewachsenen Marken im digitalen Raum. Was nützt das sauberste, modularste System, wenn es den Stolz, die Herkunft und die emotionale Identifikation der Menschen komplett wegbügelt? Design für Institutionen darf nicht bloß dekorieren, glattziehen oder bürokratisch verwalten. Es muss die innere, identitätsstiftende Wahrheit einer Gemeinschaft strategisch übersetzen und erlebbar machen.
Es gibt hier keine banale Drei-Schritte-Lösung, kein einfaches Template, das man über jede Kommune stülpen kann. Gutes Design entsteht genau im schmerzhaften Aushalten dieses Gegensatzes: Es muss radikal funktional, modular und barrierefrei sein, ohne die eigene Herkunft, den Stolz und die menschliche Wärme zu opfern. Wer diesen Spagat verweigert und sich mit einer rein schicken, aber seelenlosen Hülle zufriedengibt, wird die Menschen auf dem Weg in die digitale Zukunft verlieren.

Es gibt Designer, die gestalten. Und es gibt solche, die Design als Mittel begreifen, die Welt infrage zu stellen. Tibor Kalman war letzteres – ein Unruhestifter mit Haltung.

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Retro-Branding ist kein ästhetischer Zufall. Es ist eine Antwort auf unsere Zeit – und auf das Bedürfnis nach Orientierung inmitten von Wandel.

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