Die Diktatur der Gemütlichkeit: Wie Historismus-Kitsch die Identität unserer Städte erstickt

Ein Blick in mein Portfolio, auf dem sich die Entwürfe für  Erscheinungsbilder, kommunale Leitsysteme und responsive Bürgerportale stapeln, zwingt zu einem unbequemen Eingeständnis: Wir in der Design- und Markenwelt haben es uns jahrelang in einer sterilen Wohlfühlzone bequem gemacht.

Bereit für einen Markenauftritt, der überzeugt?

Mit Ruhrmann Design an ihrer Seite sind Sie bestens gerüstet, um an allen digitalen und analogen Touchpoints zu glänzen und Ihre Ziele zu erreichen.

Wir haben in klimatisierten Agenturbüros und intellektuellen Fachjurys barrierefreie, radikal reduzierte und typografisch bis zur Reglosigkeit geglättete Erscheinungsbilder für den öffentlichen Raum entwickelt. Erscheinungsbilder, die im Design-Jahrbuch Bestnoten abräumten – und bei den Bürgern vor Ort auf dem Marktplatz oft nichts als emotionale Taubheit hinterließen. Wir waren überzeugt, dass funktionale Vernunft und globale Gestaltungsstandards selbsterklärend seien. Sie sind es nicht.

Genau in diese schmerzhafte Leerstelle stößt mit brachialer Wucht eine Strömung, die weit über das Parteipolitische hinausgreift: der reaktionäre Gestaltungsdrang. Wenn politische Kräfte – wie aktuell im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt rund um Kulturpolitiker wie Thomas Tillschneider – ein ganzes Land auf ein vormodernes Ideal einschwören wollen, verhandeln sie keine Gesetze. Sie verhandeln Ästhetik. Sie fordern keine bloße Verwaltungsreform, sondern eine visuelle Regression ins vermeintlich heile, auenlandartige Idyll.

Es ist Zeit für eine schonungslose Analyse: Wie verändert dieser reaktionäre Impuls das Gesicht unserer Gesellschaft – und warum ist sein Versprechen von Heimat in Wahrheit gefährlich für das Überleben unserer Kommunen?

Die Verführung der heilen Kulisse (Die scheinbare Erlösung)

Die reaktionäre Antwort auf eine überfordernde, hochkomplexe und digitalisierte Moderne ist psychologisch simpel: Sie bietet Betäubung durch Nostalgie an.

Wo zeitgemäßes, demokratisches Design Vielstimmigkeit, modulare Erweiterbarkeit und den ständigen Wandel aushalten muss, sehnt sich das rückwärtsgewandte Denken nach monolithischer Ruhe. Der Bürger soll in einer Welt voller geopolitischer Krisen und technologischer Umbrüche nicht mehr gefordert oder zur Mitgestaltung angeregt werden – er soll in eine vertraute Kulisse gebettet werden.

Was sich daraus entwickelt, ist eine aggressive Renaissance des Historismus-Kitschs:

  • Architektonische Kulissenschieberei: Neubauten im öffentlichen Raum dürfen keine moderne, funktionale Formensprache mehr sprechen; sie müssen sich als kitschige Replikate von Fachwerk, Backstein-Romantik und wilhelminischer Schwere tarnen.

  • Typografischer Provinzialismus: Zeitlose, lesbare Schriften und responsive Icons werden verdrängt von verschnörkelten Fraktur-Reminiszenzen, wuchtigen Wappen-Illustrationen und heraldischer Folklore.

  • Visuelle Säuberung: Jede Reibung, jede Subkultur und jeder visuelle Widerspruch im öffentlichen Straßenbild wird administrativ als „Verfall“ gebrandmarkt und ordnungspolitisch planiert.

Die Verheißung lautet: Wir holen euch die Welt zurück, in der alles überschaubar und geordnet war. Es ist der Versuch, den Schwindel der Moderne durch eine verordnete Märchenkulisse wegzutherapieren.

 

Die Erstarrung im Denkmal (Das unausweichliche Scheitern)

Doch der Historismus-Kitsch ist keine harmlose Gemütlichkeit. Er ist eine gestalterische Sackgasse, die das Gemeinwesen ökonomisch und funktional lahmlegt.

Denn eine Kommune ist kein Filmset und kein bayerisches Themenhotel. Eine Verwaltung im 21. Jahrhundert muss funktionieren:

  1. Funktionale Arbeitsunfähigkeit: Ein detailverliebtes, heraldisch überladenes Siegelwappen mag den Stammtisch begeistern, zerschellt aber krachend an den Anforderungen eines 16-Pixel-Favicons, eines barrierefreien Leitsystems für sehbehinderte Mitbürger oder einer intuitiven Bürger-Service-App auf dem Smartphone.

  2. Monokultur statt Teilhabe: Wer die visuelle Identität einer Stadtgesellschaft auf ein ethnisch oder historisch verklärtes „Früher“ festnagelt, schließt all jene jüngeren Generationen systematisch aus, die diese Stadt heute auch tragen.

  3. Wirtschaftlicher Provinzialismus: Regionen, die sich ästhetisch im 19. Jahrhundert verbarrikadieren, signalisieren Investoren und Innovatoren vor allem eines: Hier herrscht Stillstand. Wer nur Vergangenheit ausstellt, wird als Freilichtmuseum wahrgenommen – nicht als Standort der Zukunft.

Historismus-Kitsch löst kein einziges reales Problem. Er übertüncht nur den Verfall.

 

Die erpresste Versöhnung

Um die ideologische Wucht dieses Phänomens zu verstehen, lohnt der Blick auf Theodor W. Adorno. In seinen Schriften warnte Adorno vor dem, was er die „erpresste Versöhnung“ nannte: dem Versuch, die realen Widersprüche, Brüche und Zumutungen einer antagonistischen Gesellschaft durch eine künstlich harmonisierende Formensprache zuzukleistern.

Genau das zelebriert das reaktionäre Gestaltungsdiktat. Es erfindet ein geschlossenes, unschuldiges „Auenland“, wo in Wahrheit eine plurale Bürgergesellschaft agiert. Es missbraucht Handwerk, Architektur und Gestaltung als ideologische Disziplinierungsmaßnahme.

Wenn Historismus-Kitsch den öffentlichen Raum übernimmt, wird Ästhetik zur Zwangspolsterung. Sie will Bürger nicht mündig machen, sondern sie in kindlicher Unmündigkeit einlullen.

 

Das Dilemma aushalten: Wie kommunales Design antworten kann

Es wäre jedoch heuchlerisch, die Schuld allein bei den Nostalgikern zu suchen. Wenn wir als Designer und Kommunikationsberater verhindern wollen, dass der öffentliche Raum in völkische Heimatkataloge abdriftet, müssen wir unsere eigene Arroganz beerdigen.

Das Vakuum, in das der Historismus-Kitsch heute stößt, haben wir selbst geschaffen: durch lieblose, graue Rasterentwürfe, den Menschen vor Ort jede Identifikationsfläche raubten.

Die wirkliche Aufgabe von Kommunaldesign ist unendlich viel anspruchsvoller als die Flucht ins Gestern:

  • Wir müssen Identität stiften, ohne in Kitsch zu ertrinken.

  • Wir müssen lokale Wurzeln sichtbar machen, ohne sie in Beton zu gießen.

  • Wir müssen barrierefreie, funktionale Klarheit schaffen, die Wärme und Respekt für die Bürger ausstrahlt.

Design für den öffentlichen Raum ist keine Frage von Dekoration. Es ist das gebaute und gedruckte Versprechen einer demokratischen Gesellschaft an ihre Bürger. Wer dieses Fundament aus Bequemlichkeit aufgibt, überlässt die Straße jenen, die aus unserer Zukunft wieder ein Gestern zimmern wollen.

 

Die Diktatur der Gemütlichkeit: Wie Historismus-Kitsch die Identität unserer Städte erstickt

Wenn der öffentliche Raum zum retrotopischen Auenland verklärt wird, erstarrt gelebte Bürgergesellschaft zur musealen Kulisse.
Die Ironie: Das Bildungsbürgertum kanonisiert das Bauhaus als bürgerlichen Fetisch, während Reaktionäre ins Kaiserreich fliehen – beides ist steriler Historismus-Kitsch.
Wehrhaftes Kommunaldesign verweigert die bequeme Flucht ins Gestern und baut stattdessen zugängliche, barrierefreie Systeme mit menschlicher Wärme.

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Technologie mit Weitsicht: Warum wir die Regeln für unsere Zukunft jetzt selbst bestimmen müssen

Wir müssen die Regeln für unsere Zukunft jetzt selbst bestimmen.

Das neuen Projekt FuturPerfekt setzt sich genau an die Bruchstelle zwischen technologischem Fortschritt und Grundrechten. Das beste Beispiel: Smarte Kamerabrillen. Sie bedeuten für sehbehinderte Menschen maximale Barrierefreiheit und Selbstständigkeit – bergen aber gleichzeitig die Gefahr einer permanenten Überwachung im öffentlichen Raum.

Weder pauschale Verbote noch ein unreguliertes „Weiter so“ sind die Lösung. Mit dem Blind-Trust-Manifest auf FuturPerfekt zeige ich einen dritten Weg auf: Wie wir Technologien so bauen können, dass Inklusion maximiert und Überwachung unmöglich gemacht wird.

Verantwortungsvolles Gestalten bedeutet, die Spielregeln nicht allein den großen Tech-Konzernen zu überlassen. Dafür suche ich Mitstreiter: Entwickler, Betroffene, Juristen, Kreative und engagierte Mitdenker.

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BLIND TRUST: Sehen ohne Speichern bei Smart Glasses

Das Konzept BLIND TRUST bricht mit dem Reflex, Sensorik zwingend an Datenspeicherung zu koppeln. Durch eine hardwareintegrierte, versiegelte Secure Enclave wird der visuelle Datenstrom in Millisekunden verarbeitet: Die KI übersetzt die Umgebung in akustische Orientierungshinweise für den Träger, löscht das zugrundeliegende Pixelmaterial jedoch im selben Rechentakt unwiderruflich. Wir nennen das Sehen ohne Speichern – ein Standard, der Inklusion maximiert und Überwachung physikalisch verunmöglicht.

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Warum Marken Klischees brauchen, um verstanden zu werden.

Marken werden nicht daran gemessen, wie künstlich originell sie aussehen – sondern daran, ob Menschen sofort verstehen, was sie versprechen. Erfahren Sie in unserem Blogartikel, wie KMUs gelernte Sehgewohnheiten strategisch nutzen, um Vertrauen aufzubauen und sich dennoch unverwechselbar im Markt zu positionieren.

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